Titelangaben
Purnhagen, Kai:
Verhaltensökonomie und Wettbewerbsordnung im digitalen Zeitalter.
In: Wirtschaft und Wettbewerb.
(2026)
.
ISSN 0043-6151
Abstract
Die Verhaltensökonomie hat das Verständnis wirtschaftlichen Handelns grundlegend verändert. Individuen entscheiden nicht strikt rational, sondern unterliegen systematischen Verzerrungen wie Status-quo-Bias, Gegenwartspräferenz oder Framing-Effekten. Diese Erkenntnisse können Implikationen für die Wirtschaftspolitik haben, vor allem im Hinblick auf die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit von Märkten im digitalen Zeitalter.
Es wird die These entwickelt, dass diese Verschränkung verhaltensökonomischer Einsichten mit den Erkenntnissen des Ordoliberalismus diesen an die Gegebenheiten heutiger Märkte anpasst. Die Konzeption der „Privatrechtsgesellschaft“ wird als theoretischer Brückenkopf rekonstruiert: Böhm verstand Märkte als rechtlich konstituierte Ordnungen, deren Funktionsfähigkeit institutionell gesichert werden muss.
Die Verhaltensökonomie präzisiert diese ordnungspolitische Einsicht, indem sie zeigt, dass systematische kognitive Verzerrungen und manipulative Entscheidungsarchitekturen auch den Wettbewerb verzerrende Marktmacht hervorbringen kann. Diese Verzerrung ist aufgrund vergleichbarer Markteffekte mit denjenigen des klassischen Ordoliberalismus gleichzusetzen. Diese Phänomene sind erst in den letzten Jahrzehnten durch den Markt verändernde Standardisierung und Digitalisierung möglich geworden und konnten von den Gründungsvätern des Ordoliberalismus nicht berücksichtigt werden. Eine verhaltensinformierte Ordnungspolitik ist nicht paternalistische Prozesssteuerung, sondern Sicherung realer Wettbewerbsbedingungen, welche insbesondere auf die sich durch Digitalisierung verändernden Marktbedingungen reagiert. Im Beitrag werden Ordoliberalismus und Verhaltensökonomie systematisch verschränkt und konkrete Implikationen für bürgerzentrierte Regulierung in Deutschland und Europa entwickelt. Somit wird ein konzeptioneller Beitrag zur wirtschaftspolitischen Debatte geleistet.
Abstract in weiterer Sprache
Behavioural economics has fundamentally transformed our understanding of economic decision-making. Individuals do not act in a strictly rational manner but are subject to systematic cognitive biases such as the status quo bias, present bias, and framing effects. These insights have important implications for economic policy, particularly with regard to preserving the competitiveness of markets in the digital age.
This article advances the thesis that integrating behavioural-economic insights with ordoliberal thought allows ordoliberalism to be adapted to the realities of contemporary markets. The concept of the Privatrechtsgesellschaft (private-law society) is reconstructed as a theoretical bridge between the two approaches. Franz Böhm conceived of markets as legally constituted orders whose functioning depends on an institutional framework capable of safeguarding competition.
Behavioural economics refines this ordoliberal insight by demonstrating that systematic cognitive biases and manipulative choice architectures can generate forms of market power that distort competition. Given their comparable effects on market outcomes, such distortions should be regarded as functionally equivalent to the forms of market power addressed by classical ordoliberalism. These phenomena have emerged only in recent decades as a consequence of market-transforming processes of standardization and digitalization and therefore could not have been anticipated by the founding thinkers of ordoliberalism.
A behaviourally informed economic constitution is not a form of paternalistic intervention into individual decision-making. Rather, it aims to safeguard effective conditions of competition by responding to the changing market structures brought about by digitalization. The article systematically integrates ordoliberalism and behavioral economics and develops concrete implications for citizen-centered regulation in Germany and Europe. In doing so, it offers a conceptual contribution to contemporary debates in economic policy.

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