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Vulnerabilität und unerfüllte Behandlungswünsche im Kontext der Gesundheitsversorgung

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Heidenreiter, Sarah:
Vulnerabilität und unerfüllte Behandlungswünsche im Kontext der Gesundheitsversorgung.
Bayreuth , 2025 . - IX, 243 S.
( Dissertation, 2025 , Universität Bayreuth, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
DOI: https://doi.org/10.15495/EPub_UBT_00008546

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Abstract

Mit der SARS-CoV-2-Pandemie rückten der Schutz und die Gesundheitsversorgung vulnerabler Gruppen verstärkt in den Fokus öffentlicher Debatten. Studien weisen darauf hin, dass die Zugehörigkeit zu einer vulnerablen Personengruppe mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für unerfüllter Behandlungswünsche einhergehen kann. Diese gelten als Indikator für den Zugang zur Gesundheitsversorgung bzw. die gerechte Verteilung von gesundheitsbezogenen Leistungen. Bisher werden unerfüllte Behandlungswünsche im wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland nur lückenhaft abgebildet. Die vorliegende Dissertation adressiert daher unerfüllte Behandlungswünsche und Vulnerabilität im Kontext der Gesundheitsversorgung.
Im Rahmen von drei qualitativen Interviewstudien werden unerfüllte Behandlungswünsche und deren Ursachen für folgende Zielgruppen in Deutschland exploriert: Gesetzlich und privat Krankenversicherte, jüngere und ältere Menschen mit niedrigem subjektivem Sozialstatus in sozial deprivierten Räumen des Ruhrgebiets sowie jüngere und ältere Menschen mit geistiger, psychischer oder mehrfacher Behinderung in einer Einrichtung derselben Region. Die Ergebnisse offenbaren ähnliche Muster unerfüllter Behandlungswünsche, die insbesondere in der ambulanten Versorgung auftreten. Strukturelle Barrieren – wie lange Wartezeiten oder fehlende Erstattungen bestimmter Leistungen durch die Krankenversicherungen – sowie Defizite in der Arzt-Patienten-Interaktion erweisen sich als zentrale Ursachen. Die Studien deuten darauf hin, dass viele unerfüllte Behandlungswünsche aus einem komplexen Zusammenspiel systembedingter und individueller Faktoren seitens der Leistungserbringenden und Patient:innen hervorgehen. Zur Reduktion dieser Versorgungsdefizite erscheint eine integrierte Strategie erforderlich. Mögliche Interventionen könnten auf die Verringerung von Wartezeiten – insbesondere bei Fachärzt:innen – abzielen, Schulungen für Leistungserbringende zur zielgruppengerechten Kommunikation umfassen oder Maßnahmen zur Förderung der Gesundheitskompetenz von Patient:innen beinhalten.
Darüber hinaus widmet sich diese Arbeit in einer weiteren empirischen Untersuchung der Frage, wie eine Rehabilitation während der SARS-CoV-2-Pandemie für eine besonders vulnerable Patient:innengruppe – Kinder und Jugendliche vor und nach Organtransplantationen – sicher umgesetzt werden kann. Die Interviews mit Kindern, ihren Erziehungsberechtigten und dem Personal eines Rehabilitationszentrums zeigen, dass die pandemiebedingten Einschränkungen von den Befragten unterschiedlich belastend erlebt wurden, insbesondere aufgrund von Verunsicherung und sozialer Isolation. Die Teilnahme an einer Rehabilitationsmaßnahme ermöglichte den Familien einen sozialen Austausch in einem sicheren Umfeld und trug somit sowohl zur Bewältigung der pandemiebedingten Belastungen als auch zum Abbau der damit verbundenen Ängste bei. Eltern und Mitarbeitende berichteten von einem hohen Sicherheitsempfinden und bewerteten die Hygiene- und Schutzmaßnahmen als adäquat und verhältnismäßig. Die Untersuchung verdeutlicht, dass eine sichere Rehabilitation unter strengen Schutzmaßnahmen möglich ist, gleichzeitig aber ein erhöhter psychosozialer Unterstützungsbedarf der Familien besteht. Die Sicherstellung einer adäquaten psychosozialen Begleitung über die Rehabilitation hinaus könnte auch unabhängig von Pandemiebedingungen Gegenstand weiterführender Studien sein.
Insgesamt liefert diese Dissertationsschrift neue Erkenntnisse zu Zugangs- und Inanspruchnahmebarrieren sowie zu einer bedarfs- und zielgruppengerechten Gesundheitsversorgung vulnerabler Personengruppen. Die Ergebnisse weisen auf prioritäre Handlungsfelder zur Verbesserung der Versorgungsgerechtigkeit hin und können als Grundlage für weiterführende Untersuchungen dienen – etwa zur Übertragbarkeit auf andere vulnerable Gruppen oder zur langfristigen Analyse der Auswirkungen von Reformen auf unerfüllte Behandlungswünsche.

Abstract in weiterer Sprache

With the SARS-CoV-2 pandemic, the protection and health care of vulnerable groups have increasingly become the focus of public debate. Studies indicate that belonging to a vulnerable population group is associated with a higher likelihood of unmet health care needs. These are considered an indicator of access to health care and the equitable distribution of health-related services. To date, unmet health care needs have only been insufficiently represented in the scientific discourse in Germany. This dissertation therefore addresses unmet health care needs and vulnerability in the context of health care.

Within the framework of three qualitative interview studies, unmet health care needs and their causes were explored for the following target groups in Germany: individuals with statutory and private health insurance, younger and older people with a low subjective social status living in socially deprived areas of the Ruhr region, as well as younger and older individuals with intellectual, psychological, or multiple disabilities in an institution in the same region. The findings reveal similar patterns of unmet health care needs, primarily occurring in outpatient care. Structural barriers – such as long waiting times or the lack of reimbursement for specific services by health insurances – as well as deficits in physician-patient communication emerge as key causes. The studies indicate that many unmet health care needs result from a complex interplay of systemic and individual factors on the part of both health care providers and patients. Addressing these care deficiencies requires an integrated strategy. Potential interventions could include reducing waiting times, particularly for specialist care, providing training for health care providers on target group-oriented communication, or implementing measures to enhance patients’ health literacy.

Furthermore, this dissertation includes an additional empirical study examining how rehabilitation could be safely implemented during the SARS-CoV-2 pandemic for a particularly vulnerable patient group – children and adolescents before and after organ transplantation. Interviews with children, their parents, and staff at a rehabilitation center show that the pandemic-related restrictions were perceived as burdensome in varying degrees, particularly due to uncertainty and social isolation. Participation in a rehabilitation program enabled families to engage in social exchange within a safe environment, contributing both to coping with pandemic-related burdens and reducing associated fears. Parents and staff reported a high sense of safety and rated the hygiene and protective measures as appropriate and proportionate. The study demonstrates that safe rehabilitation is possible under strict protective measures while also highlighting an increased need for psychosocial support for families. Ensuring adequate psychosocial care beyond rehabilitation could be the subject of future research, regardless of pandemic conditions.

Overall, this dissertation provides new insights into barriers to access and utilization as well as the needs-based and target group-specific health care of vulnerable populations. The findings highlight priority areas for action to improve health care equity and can serve as a foundation for further studies – such as examining the transferability of results to other vulnerable groups or for long-term analyses of the impact of policy reforms on unmet health care needs.

Weitere Angaben

Publikationsform: Dissertation
Keywords: Unerfüllte Behandlungswünsche; Vulnerable Gruppen; Gesundheitsversorgung
Institutionen der Universität: Fakultäten > Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät > Lehrstuhl Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften > Lehrstuhl Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften - Univ.-Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Eckhard Nagel
Fakultäten
Fakultäten > Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Fakultäten > Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät > Lehrstuhl Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften
Titel an der UBT entstanden: Ja
Themengebiete aus DDC: 300 Sozialwissenschaften > 330 Wirtschaft
600 Technik, Medizin, angewandte Wissenschaften > 610 Medizin und Gesundheit
Eingestellt am: 02 Aug 2025 21:00
Letzte Änderung: 04 Aug 2025 05:39
URI: https://eref.uni-bayreuth.de/id/eprint/94410