Titelangaben
Heidenreiter, Sarah ; Lauerer, Michael ; Nagel, Eckhard:
Unerfüllte Behandlungswünsche jüngerer und älterer Menschen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung : eine Pilotstudie in einer Einrichtung im Ruhrgebiet.
In: Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen.
Bd. 193
(2025)
.
- S. 56-65.
ISSN 1865-9217
DOI: https://doi.org/10.1016/j.zefq.2024.12.004
Angaben zu Projekten
| Projekttitel: |
Offizieller Projekttitel Projekt-ID Open Access Publizieren Ohne Angabe |
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Abstract
Hintergrund
Unerfüllte Behandlungswünsche werden als entscheidender Indikator für Gleichberechtigung im Zugang zur Gesundheitsversorgung betrachtet. Bei jüngeren Menschen können sie zu schlechteren Gesundheitsergebnissen im Erwachsenenalter führen, bei älteren mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko einhergehen. Das Vorliegen einer Behinderung gilt als ein Risikofaktor für unerfüllte Behandlungswünsche. Vor diesem Hintergrund wurden unerfüllte Behandlungswünsche von jüngeren und älteren Menschen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung in einer Einrichtung in Essen im Rahmen einer qualitativen Pilotstudie untersucht.
Methode
Die Interviewstudie umfasst neben der Perspektive von Jugendlichen und älteren Personen, die in einer Einrichtung zur Betreuung von Menschen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung leben, auch Einschätzungen ihrer Betreuer:innen sowie von Führungskräften der Einrichtung. Mit den Klient:innen sowie den Führungskräften führten wir semistrukturierte Leitfadeninterviews und mit den Betreuer:innen unstrukturierte Interviews durch. Nach Transkription erfolgte eine qualitative Inhaltsanalyse und ergänzend eine Frequenzanalyse. Die Berichterstattung orientiert sich an den Standards for Qualitative Research (SRQR).
Ergebnisse
Insgesamt sind elf Interviews Gegenstand der Analyse – davon fünf mit Menschen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung, vier mit Betreuer:innen sowie zwei mit Führungskräften. 14 Interviews mit Personen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung und ein Interview mit einer betreuenden Person mussten u. a. aufgrund von hoher kognitiver Beeinträchtigung bzw. mangelnden Einblicken ausgeschlossen werden. Die befragten Klient:innen berichteten insbesondere im Bereich der ambulanten Versorgung über unerfüllte Behandlungswünsche: Hier spielen Wartezeiten und Mängel in der Behandlung sowie der Arzt-Patienten-Interaktion eine entscheidende Rolle. Letztere manifestieren sich in der Ignoranz gegenüber Patient:innenwünschen sowie im Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Die am häufigsten genannte Konsequenz unerfüllter Behandlungswünsche ist ein Arztwechsel. Betreuer:innen und Führungskräfte berichteten übereinstimmend von den genannten Problemfeldern und ergänzten mangelnde Partizipationsmöglichkeiten ihrer Klient:innen am ärztlichen Gespräch sowie eine oftmals fehlende Aufklärung. Darüber hinaus zeigten sich Probleme bereits im Zugang zur Gesundheitsversorgung, da die Fähigkeit zum Erkennen und zur Artikulation von Beschwerden bzw. Behandlungswünschen oftmals eingeschränkt sei.
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse geben – am Beispiel einer Einrichtung im Ruhrgebiet – Hinweise auf mögliche Defizite in der Gesundheitsversorgung jüngerer und älterer Menschen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung sowie auf Prioritäten für eine nachhaltige Verbesserung ihrer gesundheitsbezogenen Lebenssituation. Ein konkretes Handlungsfeld ist die Steigerung der Kompetenz bei Leistungserbringenden im Hinblick auf die Versorgung von Menschen mit geistiger, psychischer und mehrfacher Behinderung mit ihren spezifischen Bedürfnissen. Zudem ist die Arzt-Patienten-Interaktion anzupassen, damit eine zielgruppenspezifische Kommunikation in einem adäquaten zeitlichen Rahmen mit besseren Partizipationsmöglichkeiten für die Patient:innen Einzug in die Praxis halten kann.
Abstract in weiterer Sprache
Introduction
Unmet health care needs are seen as a key indicator of equity in access to health care. With younger people, they can lead to poorer health outcomes in adulthood, and in older people they can be associated with an increased risk of mortality. The presence of a disability is considered a risk factor for unmet needs. Against this background, unmet health care needs of younger and older people with intellectual, mental and multiple disabilities in Essen were examined as part of a qualitative pilot study in a facility in Essen.
Method
The interview study includes the perspectives of adolescents and older people living in a residential facility for people with intellectual, mental and multiple disabilities, as well as assessments of their caregivers and managers of the institution. We conducted semi-structured guided interviews with clients and managers, and unstructured interviews with care assistants. After transcription, a qualitative content analysis and a supplementary frequency analysis were carried out. The reporting is based on the Standards for Qualitative Research (SRQR).
Results
A total of eleven interviews – five with people with intellectual, mental and multiple disabilities, four with care assistants, and two with managers – were subjected to analysis. Fourteen interviews conducted with people with intellectual, mental and multiple disabilities and one interview with a care assistant had to be excluded due to high cognitive impairment or lack of insight, amongst other reasons. The clients reported unmet needs, particularly in outpatient care: waiting times, shortcomings in both treatment and doctor-patient interaction play a decisive role. The latter manifests itself in disregarding the patients’ wishes and the patients’ feeling of not being taken seriously. The most frequently cited consequence of unmet needs is a change of physician. Care assistants and managers unanimously confirmed their clients’ experiences in the areas mentioned and added: lack of opportunities for their clients to participate in medical consultations and lack of medical information. In addition, their clients’ problems often start with accessing health care since their ability to identify and articulate complaints or treatment requests is often limited.
Conclusions
Using one residential facility in the Ruhr region as an example, the results provide indications of deficits in the health care of younger and older people with intellectual, mental and multiple disabilities as well as priorities for a sustainable improvement in their health-related living situation. One specific field of action is to increase the competencies of service providers regarding the care of people with intellectual, mental and multiple disabilities and their specific needs. In addition, doctor-patient interaction must be adapted and target group-specific communication introduced into practice providing an appropriate timeframe and better opportunities for patient participation.

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