Titelangaben
Stumpp, Emily:
Die Festlegungskompetenz der Bundesnetzagentur.
Bayreuth
,
2026
. - 214 S.
(
Dissertation,
2025
, Universität Bayreuth, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
DOI: https://doi.org/10.15495/EPub_UBT_00008803
Abstract
Die Relevanz einer funktionierenden, effizienten und zuverlässigen Energieversorgung ist sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich unbestritten. Die Strom- und Gasnetze als natürliche Monopole erfordern eine besondere Regulierung, um fairen und unverfälschten Wettbewerb zu ermöglichen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Regulierung zielt darauf ab, effizientes Verhalten der Marktteilnehmer zu fördern und die Energieversorgung gesamtwirtschaftlich zu optimieren.
Die staatliche Steuerung des Energiesektors in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren von tiefgreifenden rechtlichen Anpassungen geprägt. Ausgelöst wurden die Neuerungen rechtlicher und struktureller Art durch unionsrechtliche Vorgaben. Von besonderer Bedeutung war das Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus September 2021 (Rs. C-718/18), das den deutschen Energieregulierungsrahmen grundlegend veränderte. Der Europäische Gerichtshof stellte mit seiner Entscheidung klar, dass Deutschland bei der Umsetzung der Energiebinnenmarktrichtlinien Unionsrecht verletzt hat. Die bisherigen staatlichen Steuerungsmechanismen standen im Widerspruch zur sekundärrechtlich vorgegebenen ausschließlichen Zuständigkeit und Unabhängigkeit der nationalen Regulierungsbehörden. In Reaktion darauf hat der deutsche Gesetzgeber das EnWG folglich mit der Novelle 2023 überarbeitet und an die unionsrechtlichen Vorgaben angepasst. Das Regulierungssystem ist dadurch künftig stärker administrativ geprägt. Gleichzeitig wurde die Rolle der Bundesnetzagentur als selbständige und unabhängige Regulierungsinstanz erheblich gestärkt.
Im Zentrum der Arbeit steht die systematische Untersuchung und dogmatische Einordnung der Festlegungskompetenz der Bundesnetzagentur, einer Entscheidungsform, die mit dem EnWG 2005 eingeführt und seitdem kontinuierlich ausgebaut wurde. Ziel war es, die Funktion und Reichweite, historische Entwicklung, rechtlichen Grundlagen und Abgrenzung zu anderen Formen behördlichen Handeln sowie Besonderheiten dieser Festlegungskompetenz zu untersuchen sowie ihren Zusammenhang mit den unionsrechtlichen Anforderungen an die Unabhängigkeit zu beleuchten.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Untersuchung der unionsrechtlichen Vorgaben, insbesondere in Bezug auf die geforderte Unabhängigkeit der Regulierungsbehörden, die gerichtliche Kontrolle und den Rechtsschutz gegen regulierungsbehördliche Entscheidungen. Abschließend werden die jüngsten Entwicklungen rund um die EnWG-Novelle aus Dezember 2023 bewertet und ein Ausblick auf künftige Entwicklungen und Herausforderungen der Energieregulierung gegeben.
Insgesamt zeigt die Arbeit, dass der nationale Gestaltungsspielraum vor dem Hintergrund der fortschreitenden Europäisierung des Energierechts zunehmend eingeschränkt wird, während die unionsrechtlichen Anforderungen – insbesondere an die Unabhängigkeit der Regulierungsbehörden – weiter an Bedeutung gewinnen.
Abstract in weiterer Sprache
The relevance of a functioning, efficient, and reliable energy supply is undisputed both socially and economically. Electricity and gas networks, as natural monopolies, require special regulation to enable fair and undistorted competition and to ensure security of supply. The purpose of regulation is to promote efficient behaviour among market participants and to optimise the overall economic energy supply.
In recent years, state control of the energy sector in Germany has been shaped by profound legal adjustments. These new legal and structural developments were triggered by requirements under European Union law. The judgment of the European Court of Justice (ECJ) of September 2021 (Case C-718/18) was of particular significance, fundamentally transforming the German energy regulatory framework. Through its ruling, the ECJ clarified that Germany had violated Union law in implementing the internal energy market directives. The existing state control mechanisms were contrary to the secondary law requirements for the exclusive competence and independence of national regulatory authorities. In response, the German legislature revised the German Energy Industry Act (EnWG) in the 2023 amendment to align it with Union law requirements.
As a result, the regulatory system will in future be more strongly characterized by administrative measures. At the same time, the role of the Federal Network Agency (Bundesnetzagentur) as an independent and autonomous regulatory authority has been considerably strengthened.
The focus of the thesis is the systematic analysis and legal classification of the Federal Network Agency’s (Bundesnetzagentur) authority to issue determinations - an administrative instrument introduced with the EnWG 2005 and continuously developed since then. The aim was to examine the function and scope, historical development, legal foundations, distinctions from other forms of administrative action, and special features of this authority as well as to highlight its relationship with Union law requirements regarding independence.
Another key aspect of the thesis is the analysis of EU law requirements, particularly concerning the required independence of regulatory authorities, judicial oversight, and legal protection against decisions by regulatory authorities. Finally, the most recent developments surrounding the December 2023 amendment of the EnWG are evaluated, and an outlook on future developments and challenges in energy regulation is provided.
Overall, the thesis demonstrates that the scope for national regulation is increasingly constrained against the backdrop of the progressing Europeanisation of energy law, while the requirements of Union law - particularly those relating to the independence of regulatory authorities -are gaining in importance.

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